Poesie

Wer einsam sitzt in seiner Kammer

Wer einsam sitzt in seiner Kammer und schwere, bittre Tränen weint,
wem nur gefärbt von Not und Jammer die Nachbarschaft umher erscheint,
wer in das Bild vergangner Zeiten wie tief in einen Abgrund sieht,
in welchen ihn von allen Seiten ein süßes Weh hinunter zieht;

Es ist, als lägen Wunderschätze da unten für ihn aufgehäuft,
nach deren Schloss in wilder Hitze mit atemloser Brust er greift.
Die Zukunft liegt in öder Dürre entsetzlich lang und bang vor ihm -
er schweift umher, allein und irre, und sucht sich selbst mit Ungestüm.

Ich fall IHM weinend in die Arme: Auch mir war einst, wie dir, zu Mut;
doch ich genas von meinem Harme und weiß nun, wo man ewig ruht.
Dich muss, wie mich ein Wesen trösten, das innig liebte, litt und starb,
das selbst für die, die IHM am wehsten getan mit tausend Freuden starb,

ER starb und dennoch alle Tage vernimmst du Seine Lieb und IHN
und kannst getrost in jeder Lage IHN zärtlich in die Arme ziehn.
Mit IHM kommt neues Blut und Leben in dein erstorbenes Gebein
und wenn du IHM dein Herz gegeben, so ist auch Seines ewig dein.

Was du verlorst, hat ER gefunden. Du triffst bei IHM, was du geliebt.
und ewig bleibt mit dir verbunden, was Seine Hand dir wiedergibt.
Mit IHM kommt neues Blut und Leben in dein erstorbenes Gebein
und wenn du IHM dein Herz gegeben, so ist auch Seines ewig dein.

NOVALIS










Psalm 100

Jauchzt dem Herrn, alle Welt!
Dient dem Herrn in Freude!
Tretet vor sein Antlitz mit Frohlocken!
Seid euch bewusst: Der Herr allein ist Gott!
Er ist unser Schöpfer;
wir aber sind sein Volk, die Schafe seiner Weide.
Mit Dank betretet seine Tore, mit Lobgesängen seine Höfe!
Danket ihm, verherrlicht seinen Namen!
Denn gütig ist der Herr;
in Ewigkeit währt seine Huld und seine Treue für und für.
























Gott hat mich wunderbar gemacht

Ich kann nicht dichten wie Goethe
ich kann nicht komponieren wie Mozart
ich kann nicht logisch denken wie Max Planck
ich springe nicht so hoch wie Ulrike Meyfarth
ich kann nicht singen wie Louis Armstrong
ich kann nicht malen wie Picasso
ich bin nicht so stark wie Mutter Teresa
ich kann nicht regieren wie Abraham Lincoln

Aber ich kann lachen wie ich lache
ich kann laufen wie ich laufe
ich kann denken wie ich denke
ich kann weinen wie ich weine
ich kann schreiben wie ich schreibe
ich kann malen wie ich male
ich kann helfen wie ich helfe

Ich bin nicht großartig
ich bin nicht berühmt
ich rage nicht heraus
aber
mich gibt es nur einmal
Gott hat mich wunder gemacht.

Siglinde Peitz





























Psalm 139

Herr, du erforschest mich und kennst mich,
du weißt es, ob ich sitze oder aufstehe,
du verstehst, was ich denke, von ferne,
ob ich wandere oder ruhe, du prüft es,
und bist mit all meinen Wegen vertraut;
denn ehe ein Wort auf meiner Zunge liegt,
kennst du, o Herr, es schon genau.
Du hältst mich von hinten und von vorne umschlossen
und hast deine Hand auf mich gelegt.
Zu wunderbar ist solches Wissen für mich,
zu hoch: ich vermag´s nicht zu begreifen!
Wohin soll ich gehen vor deinem Geist
Und wohin fliehen vor deinem Antlitz?
Stiege ich auf zum Himmel, so wärst du da,
und lagerte ich mich in der Unterwelt, so wärst du dort.
Nähme ich Schwingen des Morgenrots zum Flug,
und ließe mich nieder am äußersten Weltmeer,
so würde auch dort deine Hand mich führen
und deine Rechte mich fassen.
Und spräche ich: "Lauter Finsternis soll mich umhüllen
und Nacht sei das Licht um mich herum!"
auch die Finsternis würde für Dich nicht finster sein,
vielmehr die Nacht dir leuchten wie der Tag:
Finsternis wäre für dich wie das Licht.
Du bist es ja, der meine Nieren erschuf,
mich gewoben im Schoß meiner Mutter.
Ich danke dir, dass ich so überaus wunderbar bereitet bin;
wunderbar sind deine Werke,
und meine Seele erkennt das gar wohl,
Meine Wesensgestaltung war dir nicht verborgen,
als im Dunkeln ich gebildet ward,
kunstvoll gewirkt in den Tiefen der Erde.
Deine Augen sahen mich schon als formloser Keim,
und in deinem Buch standen eingeschrieben
alle Tage, die vorbedacht waren.
Für mich nun - wie kostbar sind deine Gedanken, o Gott,
wie gewaltig sind ihre Summen!
Wollte ich sie zählen, ihrer sind mehr als des Sandes;
Wenn ich erwache, bin ich noch immer bei dir.





























An unerträglichen Tagen

Herr, mein Gott,
es gibt Tage,
an denen alles versandet ist:
die Freude,
die Hoffnung,
der Glaube,
der Mut.

Es gibt Tage,
an denen ich meine Lasten
nicht mehr zu tragen vermag:
meine Krankheiten, meine Einsamkeit,
meine ungelösten Fragen,
mein Versagen.

Herr, mein Gott,
lass mich an solchen Tagen erfahren,
dass ich nicht allein bin,
dass ich nicht durchhalten muss
aus eigener Kraft,
dass du mitten in der Wüste
einen Brunnen schenkst
und meinen übergroßen Durst stillst.

Lass mich erfahren,
dass du alles hast und bist,
dessen ich bedarf.
Lass mich glauben, dass du meine Wüste
in fruchtbares Land
verwandeln kannst.

Sabine Naegeli
















Psalm 138

Ich preise dich, Herr von ganzem Herzen,
vor den himmlischen Wesen will ich dir lobsingen!
Zu deinem heiligen Tempel hin bete ich an
und preise deinen Namen ob deiner Huld und Treue;
denn über alles hast du deinen Namen und dein Wort erhöht!
Am Tage, da ich rief, erhörtest du mich, mehrtest in meiner Seele die Kraft.
Alle Könige der Erde sollen dich preisen,
Herr, wenn sie die Worte deines Mundes vernehmen!
Die Leistungen des Herrn sollen sie besingen;
denn groß ist die Herrlichkeit des Herrn.
Ja, erhaben ist der Herr und schaut doch auf den Niedrigen;
den Stolzen erkennt er von ferne.
Muß ich auch mitten in Bedrängnis wandeln, du erhältst mich am Leben;
gegen die Wut meiner Feinde streckst du die Hand aus,
während deine Rechte mir hilft.
Der Herr wird es für mich vollenden! Herr, deine Huld währt ewig.
Laß nicht ab vom Werk deiner Hände!
















Lebende Buchstaben

Ich glaube, dass ein Blumenblatt
oder ein kleiner Wurm auf dem Wege
viel mehr sagt und enthält
als alle Bücher der ganzen Bibliothek.
Mit Buchstaben und mit Worten kann man nichts sagen.

Manchmal schreibe ich
irgendeinen griechischen Buchstaben,
ein Theta oder Omega,
und indem ich die Feder ein klein wenig drehe,
schwänzelt der Buchstaben und ist ein Fisch
und erinnert in einer Sekunde
an alle Bäche und Ströme der Welt,
an alles Kühle und Feuchte,
an den Ozean Homers
und an das Wasser, auf dem Petrus wandelte,
oder der Buchstabe wird ein Vogel,
stellt den Schwanz, sträubt die Feder,
bläst sich auf, lacht, fliegt davon. -
Du hälst wohl nicht viel von solchen Buchstaben?
Aber ich sage dir: mit ihnen schrieb Gott die Welt.

Hermann Hesse